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Die Wenigsten wissen, wie lange eine Jeans unterwegs ist, bis sie bei uns im Kleiderschrank liegt und selbst hier endet die Reise noch immer nicht. Ökojeans-Pionierin Selma Yasdut weiß von dieser Problematik und setzt dieser ihr eigenes, starkes Konzept entgegen.

Jeans – das Lieblingskleidungsstück – Milliarden werden jährlich davon produziert. Allein China als größter Jeansproduzent exportiert jedes Jahr weltweit 600 Millionen Hosen aus dem Denimstoff.
Im Schnitt besitzt jeder Deutsche drei bis fünf Exemplare, doch dass die Jeans, bezogen auf Umwelt- und Sozialstandards, mit das schmutzigste Kleidungsstück ist, wissen die Wenigsten.
Schaut man sich die einzelnen Schritte der Jeansproduktion genauer an, so wird die Problematik schnell ersichtlich: Von hohem Pestizideinsatz schon beim Baumwollanbau, über enorme Mengen an Chemikalien beispielsweise beim Verspinnen, Färben und Ausrüsten bis hin zu massiver Umweltverschmutzung u.  a. durch Ableiten vergifteter Abwässer in die Fabrikumgebung – das Ganze oftmals zu ausbeuterischen Arbeitsbedingungen.  Arbeitsschutz und angemessene Löhne: Fehlanzeige.
Die Jeansherstellung ist sehr arbeitsintensiv, viele der Produktionsschritte erfolgen in Handarbeit. Doch meist erhalten die Fabriken in Billiglohnländern kaum mehr als 4€ Stückpreis. Davon müssen Stoff, Garne und Wäscherei bezahlt werden, für die NäherInnen bleibt kaum noch etwas übrig. Dieser enorme Preisdruck von Seiten der Auftraggeber und schnellstmögliche Lieferzeiten werden zu Herausforderungen, die nur durch unzumutbare Umwelt- und Arbeitsbedingungen erfüllt werden können.

“Ich konnte das nicht mehr mit meinem Gewissen vereinbaren.“

Selma Yasdut, Geschäftsführerin des Labels SEY Organic Jeans kennt diese Zustände.  Als Diplom-Ingenieurin für Bekleidungstechnik arbeitete sie lange in der Qualitätskontrolle konventioneller Modefirmen. Im Rahmen dieser Tätigkeit verbrachte sie auch eine Zeit lang in China, wo sie die geschilderten Zustände hautnah erlebte. Für sie ein einschneidendes Erlebnis und der Moment an dem sie sich entschied, dass es so nicht weiter gehen kann: „Ich konnte das nicht mehr mit meinem Gewissen vereinbaren.“
2008 gründet sie SEY Organic Jeans, ein Label für ökologische Jeans im Premium Sektor. Das Unternehmen legt größten Wert auf eine nachhaltige Produktion und ein ganzheitliches Konzept für eine ethische und ökologisch korrekte Herstellung.
Ganz anders als bei konventionellen Firmen, bei denen oftmals Produktionsstandorte nicht preisgegeben und Auskünfte zu Produktionsbedingungen verweigert werden, spricht Yasdut ganz offen über die Lieferkette ihrer Jeans. Seit 2010 ist ihr Unternehmen auch Made-By Partner. Die europäische Non-Profit-Organisation prüft Modelabels sowie Textilproduzenten auf die Einhaltung sozialer und ökologischer Standards. Jährlich wird eine Nachhaltigkeitsauswertungen ihrer Partner veröffentlicht. In der erst kürzlich erschienenen Auswertung schnitt Sey mit hervorragenden Noten ab. Auf der Website sind diese Informationen für jedermann einsehbar – totale Transparenz also.

 

Die für ihre Kollektionen verwendete Baumwolle wird im Süden der Türkei angebaut und ist durchweg nach GOTS (Global Organic Textile Standard) zertifiziert. Im Jahr 2011 verarbeitete SEY Organic Jeans insgesamt knapp eine Tonne Bio-Baumwolle. Alle Arbeitsschritte vom Rohstoffanbau über die Garn- und Flächenherstellung und das Färben erfolgen vor Ort in ein und der selben Fabrik. “Das alles aus einer Hand kommt“, war Yasdut sehr wichtig. So verkürzen sich die Transportwege auf ein Minimum, ein wichtiger Umstand, denn  Jeans legen oftmals einen ziemlich langen Weg zurück, bis sie bei uns im Laden ankommen. Bis zu 60.000km reisen sie, da die einzelnen Herstellungsschritte immer in dem Land erfolgen, wo sie am kostengünstigsten durchgeführt werden können. Ein mögliches Reisebeispiel einer Jeans sieht nicht selten so aus: Die Baumwolle wird in Indien angebaut, dann nach China zum Verspinnen gebracht und weiter nach Taiwan zum Färben. Konfektioniert wird danach in Bangladesch, veredelt in der Türkei und erst dann geht es zu uns nach Deutschland in den Verkauf.
Nach der Stoffherstellung kommt die Produktion: Auch die findet bei SEY Organic Jeans in der Türkei statt und neuerdings auch in Rumänien und Deutschland. Ein klassisches Problem ist jedoch, dass Zertifizierungen für Produzenten oftmals zu teuer sind. Das heißt für Yasdut, dass man auch selbst prüfen muss und „bereit sein mehr zu zahlen“. Kontrollen sind wichtig und so kümmert sich die Label-Chefin persönlich um die Einhaltung strenger Kriterien. Stichprobenartig unternimmt sie unangekündigte Inspektionen bei den Herstellern, um vor Ort Arbeitsbedingungen zu überprüfen. Dass sie als gebürtige Türkin Muttersprachlerin ist, ist dabei von enormem Vorteil.

Energie- und Wasseraufwendige Herstellung

Wie wichtige solche Kontrollen sind, zeigt sich besonders im weiteren Herstellungsverfahren, denn sehr energie- und wasseraufwendig bei der Herstellung einer Jeans ist der Arbeitsschritt der Waschung, bei der der used look entsteht. Dafür werden oft hochtoxische Chemikalien wie Chlor eingesetzt. Veredlungsverfahren wie beispielsweise das Sandstrahlen sind zudem gefährlich und schädlich für die Gesundheit der Arbeiter und leider immer noch nicht überall verboten. Für die SEY Organic Jeans werden ganz unterschiedliche Waschungsverfahren angewendet. Eine davon ist die Ozontechnik, bei der die Hose mit Ozongas aufgehellt wird. Der Wasserverbrauch reduziert sich dabei von den üblichen 30-60l auf 2-5l pro Hose. Querstreifen am Schritt entstehen durch Lasertechnik, das Aufhellen am Oberschenkelbereich mit Schmirgelpapier. Auch Enzymwaschungen werden zum heller machen angewandt – Chlor kommt dabei nie zum Einsatz. Ganz wichtig ist Yasdut der Verzicht auf chemische Zusatzstoffe, um davon so wenige wie möglich einzusetzen lehnt sie Trends grundsätzlich ab, die den Einsatz starker Chemikalien erfordern. So favorisiert sie die Rinse-Waschung. Diese klassische, dunkelblaue Waschung ohne Effekte erfolgt nur mit Wasser .

 

Der größte Anteil der CO2-Emissionen und des Wasser- und Energieverbrauchs entfällt übrigens auf die Gebrauchsphase. Selma Yasdut empfiehlt daher für die Jeanspflege zu Hause die Hose bei niedrigenTemperaturen (30° im Schonwaschgang ) auf links gedreht zu waschen und den Verzicht auf Trockner und Weichspüler.

Seit Anfang 2012 findet der letzte Teil der Konfektion und das Finishing ihrer Jeans in Aschaffenburg statt. Lange hat sie nach einer Firma in Deutschland gesucht, die Kenntnisse in der Jeansproduktion hat. Langfristiges Ziel der Ökojeans-Pionierin ist es, komplett in Deutschland zu produzieren.

Mit dem Wissen über die Gefahren und Schäden, die bei der Textilherstellung entstehen können, fällt es immer schwerer, zu konsumieren, ohne, dass dabei widrige Missstände unterstützt werden. Selma Yasdut trägt dazu bei, die Prinzipien wie Transparenz, Umwelt- und Sozialbewusstsein zu stärken und den Weg hin zu globalem, nachhaltigem Verhalten zu ebnen.
Hier gehts zur Website von SEY Organic Jeans.

Info: Das Netzwerk Faire Mode hat dieses Jahr den Good Jeans Guide  veröffentlicht, in dem 16 Brands (auch SEY Organic Jeans ist dabei) empfohlen werden, die grossen Wert auf soziale und ökologische Standards legen. Die Tabelle gibt einen Überblick über die Materialien und ihre Herkunft, über Produktionsländer und Zertifikate sowie Mitgliedschaften in glaubwürdigen Initiativen zur Implementierung und Verbesserung von Arbeitsstandards. Auch Angaben zu Preisen und Links auf Onlineshops finden sich in dem Guide.

Wer die NDR-Doku “Der Preis der Blue Jeans” noch nicht gesehen hat, sollte sich unbedingt die 45min Zeit nehmen.
Der Preis der Blue-Jeans, NDR-Doku