Marokko-2011-153neuklein

Die Luft ist heiß und abgasgeschwängert. Lautes Hupen um uns herum – wir stehen im Stau und es geht weder vorwärts noch rückwärts. Unser Ziel ist das Gerberviertel auf der anderen Seite der Stadtmauer von Marrakesch. Hier werden die rohen Tierhäute durch Gerbeverfahren haltbar gemacht und zu Leder verarbeitet.
Rund 1,8 Milliarden Quadratmeter Leder werden pro Jahr erzeugt, diese sind zu über 95% Nebenprodukte der Lebensmittelindustrie. 90% dieser Häute werden mit dem Schwermetall Chrom gegerbt, bei dessen Anwendung das krebserregende Umweltgift Chromat entsteht. So gegerbte Lederprodukte, wie zum Beispiel Schuhe, enthalten oft gefährliche und gesundheitsschädigende Schadstoffe. Pro Kg Leder kommt die doppelte Menge an Chemiekalien zum Einsatz. In den Industrienationen erfolgt der Gerbeprozess mittlerweile maschinell. Die kostspielige und umweltbelastende Herstellung von Leder wurde weitestgehend in Niedriglohnländer wie China verlagert, wo wenige bis gar keine ökologischen Auflagen bestehen.
Doch hier in Marokko wird immer noch die traditionelle Altgrubengerbung angewendet, bei der ausschließlich natürliche  Gerbstoffe wie Rinden, Blätter und Wurzeln von Eichen, Granatapfelbäumen, Mimosen, Sumachpflanzen oder Früchte zur Gewinnung der Gerberlohe eingesetzt werden. Diese vegetabile Gerbung ist wesentlich teurer und zeitintensiver; eine Tierhaut auf diese Weise haltbar zu machen, kann bis zu einem Jahr dauern.

   

Endlich angekommen strömt uns ein unangenehmer Geruch entgegen. Das liegt vor allem an dem Einsatz von Vogelmistbeize. Diese wird aus Taubenkot und Wasser angerührt und verwendet, um die Häute von Epidermis-, Haar- und Pigmentresten zu befreien und sie weich und geschmeidig zu machen. Wir erblicken ein wirres Kunterbunt aus unzähligen Gruben in den unterschiedlichsten Farben. Überall liegen eingeweichte Häut, Felle, abgeschabte Haare und Leder zum Trocknen. Und zwischendrin unzählige Arbeiter, die barfuß in die Gruben steigen, um  durch Stampfen  die Häute in den stinkenden Brühen zu bearbeiten. Die Arbeits- und Hygienebedingungen sind leider miserabel.

 

Im Anschluß wird das Leder gefärbt mit Farbpigmenten von Pflanzen und Mineralien wie Safran, Indigo oder Mohn und zu Produkten wie Taschen, Schuhen und Gürteln weiterverarbeitet.

Video über Altgrubengerbung in Fez, Marokko von NationalGeographic.