Nevena Dragosava

Den folgenden Artikel hat uns Beyond Fashion-Leserin Lena Titel geschickt, nachdem sie bei einer Ausstellung dieses spannende Projekt mit dem Titel “United Colors of Cheap Labor” entdeckt hat:

Ein Kleid, gemacht für die Laufstege dieser Welt, mag man denken. Dieses Kleid aber, als Kunstwerk entworfen und genäht von Nevena Dragosava, geht in eine ganz andere Richtung. Es zeigt das Paradoxon zwischen der Glamourwelt der Laufstege und der Welt jenseits des Glamours zu Anfang der textilen Wertschöpfungskette auf. Wer eigentlich sind die Hauptakteure der Modewelt: die Designer und Models? Oder jene Frauen, Männer und Kinder, die in langen Stunden unter unmenschlichen Bedingungen unglaubliche Massen an unnötigen Modeartikeln für eine Luxuswelt schaffen?

Bei einer Ausstellung zum Thema Waste Management und Upcycling bin ich in einem Ausstellungskatalog auf dieses Projekt gestoßen. Fasziniert hat es mich. Mit einfachen Mitteln und der Sprache der Mode wirft die Künstlerin wichtige Fragen auf und packt sie in eine provokative, dennoch ästhetische Form.

Gesammelt hat die aus Serbien stammende Nevena Dragosava die Label nicht in Bangladesch, Kambodscha oder Mazedonien, sondern in unseren Breiten, in Spanien, Japan, England, Australien. Bei H&M, Esprit oder Levi’s finden wir an jedem Kleidungsstück einen Hinweis auf deren Geburt. Das sind schwere Geburten, wenn wir an die langen Stunden denken, in denen in Akkordarbeit tausende von Jeans geschnitten, genäht, gefärbt und gebleicht werden. Denken wir beim Tragen jener Jeans noch an die Hitze und den Staub, denen die Menschen in den Produktionsstätten ausgesetzt sind? Eigentlich nicht. Wir tragen jedoch in jedem unserer Kleidungstücke ein Beweisstück. Ein Label, welches zeigt, wo das Kleid hergestellt wurde. Es sollte uns mit der delikaten Frage konfrontieren: Was heißt “fashion” und “glamour” überhaupt, wenn wir uns bewusst werden, dass eben diese “fashion” unter Bedingungen hergestellt wurden, die überhaupt nicht glamourös sind?

Dieses Kleid wird nicht in die Massenproduktion gehen. Vielmehr ist es ein künstlerischer Aufruf, sich darüber bewusst zu werden, welchen Weg und durch welche Hände jenes gewandert ist, das wir täglich auf der Haut tragen.
Weiter Infos zu dem Kleid “United Colors of Cheap Labor” gibt es hier.

Anm. d. R.: Wir bedanken uns ganz herzlich bei Lena für diesen schönen Artikel und das teilen dieses sehr spannenden Projektes. Tatsächlich ist der Herstellungsprozess eines Kleidungsstückes meist alles andere als “glamourös”. Über 90% der in Deutschland verkauften Kleidung wird im Ausland produziert. In den Billiglohnländern fertigen die TextilarbeiterInnen die Kleidungsstücke oftmals unter unzumutbaren Lebens- und Arbeitsbedingungen. Unzureichender Arbeits- und Gesundheitsschutz, Bezahlungen unter dem Mindestlohn, Entlassungen bei Krankheit oder Schwangerschaft und Verbot von Gewerkschaften sind an der Tagesordnung. Meist steht die Herkunft unserer Kleidung zwar auf einem Label, so wissen wir, ob es Made in Bangladesh, Indien oder Marokko ist, über die Produktionsbedingungen der ArbeiterInnen sagt es aber nichts aus.