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„Das sich immer schneller entwickelnde Feld der Nachhaltigkeit in der Mode ist zweifellos eine der wichtigsten Bewegungen der heutigen Mode.“ Und um genau diesem Trend begegnen zu können, entwickelte die Internationale Kunsthochschule Esmod in Berlin einen 12-monatigen Masterstudiengang in „Sustainability in Fashion“.
Gestartet hat das international ausgerichtete Studienprogramm im Oktober 2011 und nun ein gutes Jahr später hat der erste Jahrgang seinen Abschluss in der Tasche. Es war „ein aufregendes und arbeitsintensives Jahr“, wie Friederike von Wedel-Parlow, Leiterin des Pionierstudienganges sagt. Workshops, Kolloquien, Exkursionen und einen praxisbezogenen Auslandsaufenthalt galt es zu planen. Der praxisbezogene Ansatz soll die Studierenden ermutigen Visionen und Designstrategien zur Umsetzung nachhaltiger Ansätze zu entwickeln und eröffnet den Zugang zu innovativen Materialien, Techniken und Produktionen. Unterrichtet werden die Themen Design- und Marketingstrategien, Critical Studies und Sustainable Textile & Production. So gab es für den ersten Jahrgang Themenschwerpunkte wie beispielsweise Kleidung nach dem Cradle-to-Cradle System zu recyceln und neue Technologien im Denimbereich wie die Lasermethode auszuprobieren. Zur Berliner Fashion Week im Januar 2012 organisierten die Masterstudenten zwei Pop-up Stores zum Thema nachhaltige Mode in Zusammenarbeit mit der Messe Frankfurt. Ziel dieses Projekts war Kenntnisse in den verschiedensten Bereichen wie Geschäftsführung, Organisation, Marketing und Kosten- und Budgetplanung zu erlangen. Auch Exkursionen standen auf dem Stundenplan, zum Beispiel zum Copenhagen Fashion Summit und in die Schweiz. Dort besuchten sie Mitglieder der Swiss Organic Fabrics Organisation, um tiefere Einblicke in die einzelnen Produktionsschritte eines Kleidungsstückes zu bekommen, wie die Herstellung von Garnen, die Flächenherstellung und Veredlungsverfahren.

Am 12. Oktober präsentierten die Absolventinnen ihre Masterprojekte in der Berliner Platoon Kunsthalle. Besonders spannend dabei war, dass die einzelnen Abschlussarbeiten sich mit ganz verschiedenen Themenbereichen  von Grüner Mode beschäftigten. Drei der sehr unterschiedlichen Arbeiten möchte ich euch etwas detaillierter vorstellen:

“Heroine”- Zero Waste Kollektion von Bojana Drača:

Bojanas sehr elegante und feminine Kollektion beruht auf dem Zero Waste Prinzip, d.h. textilen Abfall zu vermeiden. Inspiration fand sie in der Historie, bei den Revolutionen und ihren Heldinnen: „When I first started thinking about my concept the term of revolution was going through my mind. Revolution is all about change, and that is what fashion industry needs in my opinion.” Die gängige Art der Schnittkonstruktion nach Formeln empfindet sie als langweilig und einschränkend, so entstand die Idee mit geometrischen Formen zu arbeiten. Stoffe mit unterschiedlichen Beschaffenheiten  brachte sie in die Form von Vier- und Rechtecken. Auch Faltungen spielen eine wichtige Rolle in ihrer Kollektion. Entstanden sind aus dieser Konstruktionsweise spannende und neue Formen. “Out of the sudden, the new solutions would appear and lead me to new discoveries.” Die verwendeten Stoffe sind bluesign zertifiziert aus recyceltem PET und Kaffeesatz, hergestellt von der taiwanesischen Firma Singtex. Singtex, einer der Marktführer für Funktionstextilien hat mit  S.Café TM ein Material entwickelt, das aus recyceltem Kaffeesatz gewonnen wird und dessen Herstellung energiearm, schadstofffrei und ohne Verwendung von Chemikalien erfolgt.

     

Vios – Sneaker Kollektion von Stefanie Stolitzka

Die Österreicherin Stefanie Stolitzka hat sich für ihre biologisch abbaubare Sneakerkollektion aus Hirschleder von klassischen Lederhosen inspirieren lassen. Im Fokus ihrer Masterarbeit  stand die Auseinandersetzung mit der Gerbeproblematik von Leder und der Schuhherstellung. Wichtig war ihr dabei, das traditionelle Handwerk zu unterstützen. „Tradition ist durch seine Herstellung, das Wissen, die Kultur, die Geduld und die Handarbeit schon Teil nachhaltiger Produktion - da aber auch in der traditionellen Herstellung nicht alle Materialien 100% ökologisch sind, ist es mein Ziel Tradition zu erhalten und sie durch umweltfreundliche Materialien und moderne Umsetzung für die Zukunft weiter zu entwickeln.“ Lokale Produktion und die Herstellung einer 100% biologisch abbaubaren Schuhkollektion – von der Materialbeschaffung über die Produktion bis zur Entsorgung  – war ihr Anspruch an das Masterprojekt. Dabei galt es auch Beschaffungsprobleme zu lösen und Kompromisse zu machen: „Vor allem die Beschaffung von farbigen Schnürsenkeln und farbigem Nähgarn hat sich als fast unlösbar erwiesen.“ Am Ende hat sie sich für die Verwendung von Schnürsenkeln aus recycelbarem Polyester entschieden.
Ihr Projekt ist zusammen mit der Firma Legero und Think!Schuhe in Graz entstanden. „Ohne diese finanzielle und handwerkliche Unterstützung wäre mein Projekt nicht möglich gewesen.“ Auch eine Einführung in die Herstellung natürlich gegerbten Leders bei Ecopell in Bayern war Teil ihrer Recherche. Ganz besonders spannend sind die Materialen die für Stefanies Sneaker zum Einsatz kamen: sämisch gegerbtes Hirschleder, handgefärbt mit Blauholz, Naturloden aus 100% natürlicher Schafswolle und Eco Leinen als Obermaterial, die Sohlen sind recyclebares Material aus PU+EVA (abnehmbar bei Entsorgung oder Reparatur), die Innensohlen aus abbaubarem Naturkork mit naturgegerbtem Kalbsleder aus Österreich. „Alle Materialien sind aus Europa, zertifiziert oder von mir persönlich in der Produktion begutachtet worden – ich habe versucht soweit wie möglich abbaubare Materialien zu verwenden und wenn dies nicht möglich war, diese durch recyclebare Materialien zu ersetzen.
Ein rundes Projekt, das zeigt was momentan auf dem europäischen Schuhmarkt in Sachen nachhaltiger Produktion machbar ist.
Zurzeit ist die Österreicherin für zwei Monate in Ho Chi Minh City, um direkt vor Ort die industrielle Schuhherstellung kennenzulernen und ihr Wissen dann zu nutzen, um die konventionelle Produktion nachhaltig umzugestalten.
http://www.vios.at/
 

“WUU” – Projekt von DANIELA FRANCESCHINI

Auch Daniela Franceschinis Masterarbeit dreht sich um das Thema traditionelles Handwerk. Beschäftigt hat sie sich dafür mit Sozial Standards und Verhaltenskodizes in der Textilbranche, vor allem in Entwicklungsländern. “Since the beginning I knew that I wanted to work in handicrafts and social standards.” Dafür besuchte sie die New SADLE NGO in Nepal. Der Name der Nicht-Regierungs-Organisation steht für New Skill and Development Learning Experience, deren Hauptaufgabe die Reintegration von Leprakranken ist. Denn neben der medizinischen Betreuung der Leprakranken, bekommen diese Arbeit in der Textilindustrie und die Möglichkeit ein Handwerk zu erlernen. „Being in Nepal, specifically working with the New SADLE NGO was a beautiful and enriching experience.” Um die in dieser Zusammenarbeit entstandenen Produkte auf dem europäischen Markt zu etablieren, hat sich Daniela für die Verwendung ganz besonderer Materialen entschieden, wie beispielsweise Bananenseide (tatsächlich eine Fasern aus der Bananenpflanze), Wolle, Holz und Bambus. “I have a special inclination towards exotic techniques and materials.“ Die Materialen werden per Webtechniken zusammengebracht. Im Anschluss hat Daniela die Kollektion noch mit Leder versehen „to give them extra value“, wie sie sagt. Entstanden ist daraus eine tolle Kollektion: “My vision is to create a market for the original and special social production of craftsmanship, by facilitating a better quality of life and growth to the Nepalese communities. While at the same time meeting consumer demands for more sustainable design.”