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…wie auch, denn beim Zero Waste-Prinzip bleibt in der Regel kein Fitzelchen Stoff übrig.

Wenn der dänische Modedesigner David Andersen seine Mädels auf den Catwalk schickt, wartet die internationale Fashionwelt gespannt auf die neue Kollektion, denn sein Label David Andersen Copenhagen wusste bisher immer zu überraschen. Seit 2007 präsentiert er seine Mode, die meist in Schwarz und Weiß gehalten und die berühmt ist für Grenzgänge, die ihm schon Preise wie „A Different Fashion Experience“ oder „Design Talent of the Year“ (2010) eingebracht haben. Da tragen dann auch schon Mal Frauen die Männermode und überhaupt ist ein androgyner Stil ein klassisches Merkmal für sein Design. Mode ist für den extrovertierten Dänen immer auch mit einem reflektierten Sinn für Nachhaltigkeit gepaart. Deswegen widmet sich Andersen dem so genannten Zero Waste-Garment, einer Produktionsart, die es vermeidet, Stoffreste zu erzeugen. Der Anspruch, der dabei an den Designer gestellt wird, ist kein einfacher, denn dieser beginnt seinen Entwurf mit genormter Meterware. Damit diese möglichst effizient genutzt werden kann, sprich so, dass kein Verschnitt entsteht, bedarf es einer intelligenten Schnittgestaltung. Der Designprozess wird dabei nach Andersens Auffassung zu einer wahren Win-Win-Situation, denn bei der präzisen Schnittgestaltung wird nicht nur Abfall vermieden sondern auch die Kreativität auf den Prüfstand gestellt: „Working with zero-waste has its limitations and encourage risk taking in the design process“, musste der Designern erfahren, aber dafür steht das wahre Instrument des Modeschöpfers wieder im Mittelpunkt – denn ohne Einfallsreichtum und Phantasie wird der Job zum Kampf.

Diese  Erfahrung hat auch der finnische Designer Timo Rissanen gemacht, der als Vordenker dieser noch jungen Modebewegung gilt. Als er 2006 das Dissertationsvorhaben „Fashion Creation Without Fabric Waste Creation“ (http://zerofabricwastefashion.blogspot.de/) im Internet vorstellte, war noch nicht absehbar, wie viel Anklang diese Idee finden sollte und wie sich der Designprozess dadurch verändern würde. Rissanen, der mittlerweile unter anderem an der Parsons (The New School for Design / N.Y.) Professor für Nachhaltigkeit ist, kämpft durch das Zero Waste-Prinzip gegen den gängigen Verschnitt von 15% bei der Herstellung von Kleidungsstücken an, der in der Regel auf dem Abfall landet und so jährlich hunderte Tonnen Müll erzeugt. Die Übernahme des Zero Waste-Verfahrens – das als solches in Bezug auf üblichen Abfall schon seit den 80er-Jahren existiert – in die Modewelt war ein wichtiger Schritt, um auf einen beinahe dekadenten Herstellungsprozess aufmerksam zu machen. Während der Post-Consumer Waste, also der Müll, der vom Endkonsumenten erzeugt wird, im textilen Bereich durch Altkleiderspenden oder Weiterverarbeitung gedeckelt werden kann, besteht durch das Zero Waste-Verfahren bereits im Pre-Consumerbereich (d.h. im Herstellungsprozess) die Chance fast komplett die Müllentstehung zu vermeiden.

Die Schwierigkeit, die dabei jedoch aufkommt, ist, dass die handelsüblichen Stoffrollen standardisiert sind, was problematisch wird, wenn man aus dem immer gleichen Stoffformat abfallfreie Schnittbilder für die unterschiedlichsten Kleiderstücke schaffen soll. Die Kosten der Umrüstung der Herstellungsmaschinerien auf flexible Breiten würden bei Weitem die Kosten des gängigen Herstellungsverfahrens übersteigen. Um mit den genormten Maßen dennoch arbeiten zu können, entwickeln die Zero Waste-Designer individuelle Vorgehensweisen. Mark Liu ist beispielsweise berühmt für seinen Jigsaw Cut, bei dem der Stoff bis aufs Letzte in Puzzleteile zerlegt wird, die dann zu einem Kleidungsstück verarbeitet werden. Diese Technik hat eine lange Tradition und ist insbesondere aus der Fertigung von Kimonos bekannt. Eine weitere Möglichkeit ist das Subtraction Cutting, wie es Julian Roberts anwendet: Bei dem sehr minimalistischen Verfahren werden einfach nur Löcher für die Gliedmaßen in die Stoffbahn eingeschnitten.

Eine Zukunft der Modewelt könnte Zero Waste heißen – „Null Abfall“ also. Was als Begriff so utopisch klingt, hat sich in der Realität als praktikabel erwiesen, wie Andersen und seine Kollegen gezeigt haben. Bis dieses Prinzip jedoch auf Industrie und Massenkonsum angepasst werden kann, werden wohl noch viele Stoffreste unter den Teppich gekehrt.