Raws Titelbild

„Jeans spiegeln das Leben seines Trägers wieder“, erzählt mir Ruedi Karrer. Und wer könnte es besser wissen als der selbsternannte „Fading“-Experte?
Was Ende der 60er-Jahre mit seiner ersten Levis begann, entwickelte sich für ihn zur Sammlerleidenschaft. 12.000 Exponate, davon etwa 7.000 Jacken und 5.000 Hosen umfasst sein kleines “Jeansmuseum“ in Zürich heute.
Sein Hauptinteresse gilt dabei Raw Denims, also der Rohware, sprich Jeans, die ohne jegliche Finishs für einen künstlichen Used look-Effekt auskommen (bspw. Bleichen, Stone washed, Schmirgeln).
Die indigoblaue, noch recht steife Jeans erhält erst durch das Eintragen („Breaking In“) einen natürlichen, von den Tragegewohnheiten abhängigen, individuellen Abrieb.
Das funktioniert allerdings nur, wenn man die Hose mindestens (!) sechs Monate täglich trägt, ohne sie zu waschen. Dabei gilt: Je ausgeprägter der Used-Look sein soll, umso länger muss man die Hose ungewaschen tragen. Außerdem sollte man die Hose am besten nach dem Kauf zunächst eine Stunde in heißes Wasser legen, damit sich die Schlichtemittel lösen können (auf dem Garn aufgebrachter Schutz zur Verringerung der Gefahr von Fadenbrüchen im Webprozess). Die Jeans wird so weicher und schrumpft außerdem: Deshalb Raws unbedingt immer eine Nummer größer kaufen!

Ruedi, der vier Tage vor meinem Besuch angefangen hat eine neue 25 oz (oz=Unze, die Gewichtseinheit für Denim) schwere Raw einzutragen, hat einige Tipps, was die Pflege der Hose während dieser Zeit angeht.
Er empfiehlt mit dem Eintragen am besten im Herbst zu starten, da man zu dieser Jahreszeit weniger schwitzt. Regelmäßiges Lüften hilft Gerüche zu vertreiben und wer auf Nummer sicher gehen will, kann die Hose in einer Plastiktüte verpackt über Nacht ins Gefrierfach legen.
Und für alle, die immer noch Bedenken haben: Die Humanökologin Rachel McQueen von der kanadischen Universität Alberta hatte 2011 herausgefunden, dass es keinen hygienischen Unterschied macht, ob man seine Hosen zwei Wochen oder über ein Jahr lang ungewaschen trägt. Im Rahmen eines Forschungsprojektes hat sie die Zahl der Bakterien in Jeans verglichen, die 15 Monate beziehungsweise zwei Wochen lang ohne gewaschen zu werden getragen wurden.

Raws liegen momentan nicht nur bei Jeansfreaks total im Trend. Auch aus ökologischer Sicht sind sie ziemlich interessant: Denn die größte Problematik der Jeansherstellung ist der enorme Wasserverbrauch und der Einsatz von Chemikalien. Beides kann im Falle von Raw Denims signifikant reduziert werden. Neben dem Wassereinsparpotential in der Gebrauchsphase entfallen auch sämtliche Produktionsschritte für ein Finish und die damit verbundenen Waschgänge.

Tolle Raws findet ihr zum Beispiel bei Nudie. Und wer eine alte Lieblings-Jeans zu Hause hat, am besten „extrem totgetragen“ kann diese gerne an Ruedis Sammlung spenden ;)

Hier noch eine kleine Filmempfehlung: Traveling Denim: Recording color fade for 2 years