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Ein Zweiteiler über eine alltägliche Frage, die oft falsch gestellt wird, denn sie müsste lauten: „Was trage ich hier eigentlich?“

Als Ende April in Bangladesch eine Fabrik zusammenstürzt und mehr als 1000 Menschen dabei zu Tode kommen, verfolgen wir weltweit tagelang die Nachrichten. Vermeintlich schnell wird klar, wer hier Schuld trägt: Der Fabrikbesitzer und der Ingenieur werden in Haft genommen. Doch in dieser Fabrik wurden Textilien hergestellt, im Auftrag von namenhaften Unternehmen wie Mango, Benetton und Primark. Sie stehen stellvertretend für zahlreiche Modemarken, die die „günstigen“ Produktionsbedingungen in Bangladesch für ihre Zwecke nutzen – schließlich ist die Textilindustrie dort ein wichtiger Wirtschaftszweig; ein Fakt den sich auch Deutschland zu Nutzen macht: Rund 80% der hier verkauften Textilien werden in Fernost oder Osteuropa produziert.

Die Verantwortung ist also nicht nur lokal zu suchen sondern global. Denn durch die stillschweigende Hinnahme der dort vorherrschenden Produktionsbedingungen, akzeptieren wir einen Status quo, der menschenunwürdig ist. Betrachtet man den Arbeitsalltag einer Näherin, dann bedeutet dies in den meisten Entwicklungs- und Schwellenländern nicht nur Niedriglöhne (am Beispiel Bangladesch: 40€/Monat) sondern auch Überstunden, Kinderarbeit, keine Sozialversicherung, schlechte Sicherheits- und Gesundheitsvorkehrungen in den Fabriken und oftmals sogar physische Gewalt. Wenn wir uns hier beim Shoppen über ein modisches Schnäppchen freuen, dann ist das nur die halbe Wahrheit: Preise, die wir zahlen sind keine realistischen – jemand anderes zahlt dafür den eigentlichen.

Dass es nicht nur Menschen sind, die durch die Textil- und Bekleidungsindustrie  ausgebeutet werden, hat beispielsweise der Sportartikelhersteller PUMA in beeindruckenden Zahlen berechnen lassen. Mit überraschender Ehrlichkeit veröffentlicht das Unternehmen bereits 2011 eine ökologische Gewinn- und Verlustrechnung, der zufolge Umweltschäden in Höhe von 145 Millionen Euro im Jahr 2010 entlang der gesamten Wertschöpfungskette verursacht wurden. Jochen Zeitz aus dem PUMA Vorstand erhoffte sich durch die Offenlegung der Ökobilanz ein tiefgreifendes Verständnis von dem Begriff Nachhaltigkeit und tatsächlich wird sich die Branche einem Umdenken nicht mehr länger gegenüber verschließen können.

„Umdenken“ – das klingt immer so einfach, dabei übersieht man leicht die Menge an Faktoren, die in ein solches mitreinspielen und von denen sich viele konträr gegenüber stehen. Da gibt es die Konsumenten, die immer höhere Ansprüche an Mode stellen, aber für eine nachhaltigere Produktion oftmals nicht gewillt sind, auch den angemessenen Preis zu zahlen. Auf der anderen Seite stehen die abnehmenden Ressourcen, die immer höhere Kosten schon im Einkauf bedeuten. Die meisten Textilhersteller schreiben üblicherweise ihre Produktionsaufträge aus und der Zulieferer mit den geringsten Kosten für das Unternehmen bekommt den Zuschlag. So wandern Produktionsstätten von Land zu Land, ohne Beständigkeit für die Fabrikarbeiter zu gewährleisten und ohne sich verantwortlich zeigen zu müssen – treten Probleme auf, wird einfach der Zulieferer oder gar das Land gewechselt. Einige Unternehmen versuchen mit diesem Vorgang zu brechen, es werden Qualitätsprüfer in die Fabriken gesendet, lokale Stabsstellen eröffnet und Verhaltenskodizes aufgestellt. Letzteres geht leider in der Regel nicht auf die Hersteller selbst zurück sondern auf das Engagement der Politik (z.B. die International Labour Organization ILO) oder von Nichtregierungsorganisationen (z.B. die Kampagne für Saubere Kleidung).

Die Titelfrage „Was zieh ich an?“ ist damit nicht gelöst, schlimmer noch: Jetzt ist es nicht mehr nur eine modische Ungewissheit. In Teil 2 folgen dann die Möglichkeiten, die wir als Konsumenten haben und wie vielfältig die Wege der nachhaltigen Modebranche mittlerweile sind.

Dieser Zweitteiler entstand für die Zukunftswerkstatt Hochschule – eine Dialogplattform zum Themen Hochschulpolitik und Studentenleben. Fokus der Anfrage war, wie man die bekannten (und günstigen) Marken H&M und Co. umgehen kann und warum es wichtig ist, sich gerade als Masse der kritisch denkenden Studenten mit dem Thema Nachhaltigkeit von Mode zu beschäftigen.