waste sampling Hawaii

“Plastik ist schön. Plastik ist praktisch. Plastik ist praktisch überall.” Mit dieser Aussage startet Werner Bootes Kinodokumentarfilm „Plastic Planet“.  Für die Filmaufnahmen reiste der Regisseur rund um den Globus und entdeckt eine Welt, die ohne Plastik nicht mehr existieren kann, gleichzeitig aber mit den Problemen und Risiken dieser Kunststoffe zu kämpfen hat.
Das Plastik heutzutage kaum noch aus unserem Leben wegzudenken ist, zeigt auch Gregg Segals Fotoserie „7 Days of Garbage“. Dazu fragte der Fotograf Freunde, Verwandte und Nachbarn, eine Woche lang ihren Müll zu sammeln um sie dann in dem Abfallberg liegend – aus der Vogelperspektive – abzulichten. Sehr eindrücklich zeigt er, welche Massen von Abfall wir in kürzester Zeit produzieren.

“I’m not pointing a finger at myself or the people I’ve photographed for all of this excess, yet, if we don’t take some responsibility, nothing will change. Emblematic of the culture, we’re cogs in a consumption cycle far too vast to impact, or so we assume.” (Gregg Segal)


Gregg Segal "7 Days Of Garbage"

Tatsächlich kommt einem beim Thema Plastikmüll zuerst Verpackungsmaterial von Lebensmitteln in den Sinn, Kosmetik, Interieur und Küchenutensilien, doch auch auf einen großen Teil unserer Kleidung trifft das zu: Die Weltproduktion von synthetischen Chemiefasern betrug im Jahr 2013 54,4 Millionen Tonnen (Textilfasern insg.: 86,6 Millionen Tonnen). Prozentual fließen somit 5-8% des weltweit geförderten Rohöls in die Textilindustrie. Den größten Anteil davon stellen Polyesterfasern (44,7 Millionen Tonnen), gefolgt von Polyamid- und Polyacrylfasern (4,2 und 3 Millionen Tonnen). Das Herstellen dieser Fasern ist nicht nur energieaufwändig, sondern braucht auch einen hohen Einsatz an Chemikalien. Aber ganz besonders schlimm: Die Kleidungsstücke aus nicht regenerativen Rohstoffen sind nicht abbaubar und verbleiben daher in unserer Umwelt.
Das ist allerdings nicht das einzige Problem. Dr. Mark Anthony Brown hat in einem gemeinsamen Forschungsprojekt mit der Plymouth University bewiesen, das beim Waschen der Bekleidung winzig kleine Polyesterteilchen ausgewaschen werden die letztendlich in den marinen Ökosystemen enden. Insgesamt spricht er von bis zu 1,900 feinsten Polyesterhärchen die pro Teil und Wasche ausgespült werden. Alles in allem befinden sich laut Deutschem Umweltbundesamt 100 bis 150 Millionen Tonnen Abfälle in den Meeren, 60 % davon aus Plastik (Stand: 2013).

Fotograf Zak Noyle

“The bay was miles from any town, yet strong currents had carried the trash of the world’s most populated island, Java, to its once pure waters”, erzählte der Surfer Dede Surinaya über seine Erfahrung mit Müll im Ozean vor der indonesischen Insel. “It was crazy. I kept seeing noodle packets floating next to me. It was very disgusting to be in there; I kept thinking I would see a dead body of some sort for sure.”

An vielen Stellen im Meer konzentriert sich auf Grund von Strömungen der Plastikmüll, besonders bekannt geworden ist der 1997 von Charles Moore entdeckte Nordpazifische Plastikstrudel, der mittlerweile so groß ist wie Zentraleuropa. Strände unbewohnter Inseln versinken geradezu im Müll, der auch zur Gefahr für Fische, Vögel und Meeressäuger wird. Nicht zuletzt können Mikropartikel und Plastik-Giftstoffe über die Fische auch in die menschliche Nahrungskette gelangen. Im letzten Jahr wurde an der Südküste Spaniens ein toter Pottwal angespült, in dessen Magen man 59 verschiedene Plastikteile fand, darunter eine Gewächshaus-Plastikplane, ein Kleiderbügel und Matratzenteile.

Clean Ocean; Bali, Indonesien

Die am häufigsten im Meer gefundene Plastikart ist Polyethylenterephthalat (PET), gefolgt von Nylon und Acryl. 60% der weltweiten PET-Produktion wird für die Textilindustrie verwendet, 30% zur Herstellung von Flaschen. Schön das immer mehr Initiativen und Bekleidungsfirmen versuchen diese Abfälle zu sammeln und zu neuen Produkten zu recyceln. Wie beispielsweise die Herstellung der Econyl-Faser aus alten Fischernetzen oder die Bionic-Faser mit anteiligem Recyling-PET aus Plastikmüll von indonesischen Stränden. In den meisten Fällen wird recyceltes Polyester (rPET) derzeit aus PET-Flaschen gewonnen. Der Gewinnungsprozess ist chemisch möglich, wird aber aus Kostengründen meist mechanisch durchgeführt : Die Flaschen werden gespült, geschreddert, eingeschmolzen und zu neuen Fasern ausgesponnen. Daraus entstehen Materialien wie Fleece und Funktionsstoffe. Leider ist nach wie vor nur selten 100% Recyclignanteil drin, wo Recycling drauf steht. Auch sollte man wissen, das die Herstellung einer recycelten PET-Faser zwar weniger Energie (33-53% im Vergleich zu neuem Polyester) verbraucht, weniger Emissionen ausstößt (54,6% weniger CO2) und den Müllberg „reduziert“, jedoch auch nur einige Male wiederholt werden kann. Die Qualität verringert sich bei jedem mechanischen Recyclingprozess („Downcycling“) bis es schließlich auf der Mülldeponie landet.

Jacke von Patagonia aus recyceltem PET

Hier noch einige Lese-, Film- und Ausstellungstipps zum Thema:

-> “Plastic Planet: Die dunkle Seite des Kunstsoffes“; Film und gleichnamiges Buch von Werner Boote
-> “Plastikfreie Zone: Wie meine Familie es schafft, fast ohne Kunststoff zu leben”; Sandra Krautwatschl; Heyne Verlag (2012)
-> “The Story of Stuff -How Our Obsession with Stuff Is Trashing the Planet, Our Communities, and Our Health-and a Vision for Change”; Annie Leonard; Free Press (2010)
-> “Plastic Oceans: How a Sea Captain’s Chance Discovery Launched a Determined Quest to Save the Oceans”; Charles Moore; Avery (2011)
-> “Plastic: A Toxic Love Story”; Susan Freinkel; Houghton Mifflin Harcourt (2011)
-> “Fast nackt: Mein abenteuerlicher Versuch, ethisch korrekt zu leben”; Leo Hickman; Piper Taschenbuch (2008)
-> Die Wanderausstellung “Endstation Meer? Das Plastikmüll-Projekt” ist noch bis zum 21.10.2014 im Deutschen Meeresmuseum in Stralsund zu sehen.